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Grenzen setzen lernen – wenn die eigenen Grenzen in der Familie wenig Raum hatten

10. Sept.
5 Min. Lesezeit

Grenzen zu setzen klingt zunächst einfach. Wir sagen Nein, wenn wir etwas nicht möchten. Wir sprechen aus, wenn uns etwas zu viel wird. Wir entscheiden, was für uns in Ordnung ist und was nicht. In der Realität ist es für viele Menschen sehr viel schwieriger. Denn wie selbstverständlich wir heute Grenzen wahrnehmen und setzen können, hat auch damit zu tun, was wir in unserer Herkunftsfamilie darüber gelernt haben. Wenn die eigenen Grenzen als Kind wenig Raum hatten, kann sich ein Nein auch viele Jahre später noch falsch anfühlen – obwohl wir längst erwachsen sind.


Was wir als Kinder über Grenzen lernen

Kinder lernen Grenzen nicht durch Erklärungen allein. Sie lernen vor allem dadurch, wie Erwachsene mit ihren Grenzen umgehen.


Wurde mein Nein ernst genommen? Durfte ich eine andere Meinung haben? Wurde akzeptiert, wenn ich etwas nicht wollte? Gab es Privatsphäre? Durfte ich Bedürfnisse äußern, ohne dafür beschämt oder abgewertet zu werden? Oder habe ich früh gelernt, dass es sicherer ist, mich anzupassen?


In manchen Familien werden Grenzen sehr offensichtlich überschritten. In anderen geschieht es viel subtiler. Ein Kind merkt beispielsweise, dass die Mutter enttäuscht ist, wenn es sich abgrenzt. Dass der Vater wütend wird, wenn es widerspricht. Oder dass Harmonie nur dann erhalten bleibt, wenn es sich zurücknimmt. Das Kind lernt daraus nicht unbedingt bewusst: „Ich darf keine Grenzen haben.“ Es lernt vielmehr über die Erfahrung: Wenn ich Nein sage, entsteht Konflikt.Wenn ich mich abgrenze, enttäusche ich jemanden.Wenn ich für mich einstehe, riskiere ich Verbindung.


Anpassung kann dann zu einer sinnvollen Strategie werden, um Zugehörigkeit und Beziehung zu sichern. Und genau diese Strategie verschwindet nicht automatisch mit dem Erwachsenwerden.


Warum Grenzen setzen später so schwer sein kann

Als Erwachsene wissen wir vielleicht längst, dass wir Nein sagen dürfen. Und trotzdem entsteht ein schlechtes Gewissen, sobald wir es tun. Wir erklären und rechtfertigen unsere Entscheidungen. Wir sagen Ja, obwohl wir Nein meinen. Wir übernehmen Verantwortung für die Gefühle anderer. Wir merken manchmal erst viel zu spät, dass uns etwas eigentlich zu viel war.


Das Interessante daran ist: Oft fehlt nicht das Wissen darüber, wie man eine Grenze formuliert.

Das eigentliche Problem liegt tiefer. Es ist das, was innerlich passiert, nachdem wir die Grenze gesetzt haben.


  • Kann ich aushalten, dass jemand enttäuscht von mir ist?

  • Kann ich bei meinem Nein bleiben, obwohl mein Gegenüber es nicht versteht?

  • Kann ich akzeptieren, dass jemand meine Entscheidung nicht gut findet, ohne sie sofort wieder infrage zu stellen?


Genau hier werden häufig alte Erfahrungen berührt.


Wenn du innerhalb deiner Familie plötzlich Grenzen setzt

Vielleicht beginnst du als Erwachsene irgendwann zu hinterfragen, was du lange für selbstverständlich gehalten hast. Du merkst, dass du bestimmte Dinge nicht mehr möchtest. Dass Gespräche eine Grenze überschreiten. Dass du nicht mehr für alles zur Verfügung stehen möchtest. Oder dass du Entscheidungen treffen willst, ohne sie vor deiner Familie rechtfertigen zu müssen.


Und du beginnst, das auszusprechen:

  • „Nein, das möchte ich nicht.“

  • „Darüber möchte ich nicht sprechen.“

  • „So möchte ich nicht behandelt werden.“

  • „Das entscheide ich für mich.“


Gerade innerhalb der eigenen Familie kann das einiges in Bewegung bringen. Denn aus systemischer Sicht verändert sich nicht nur ein einzelner Mensch. Wenn ein Familienmitglied sein gewohntes Verhalten verändert, verändert sich damit auch etwas im bisherigen Zusammenspiel.

Vielleicht warst du immer diejenige, die nachgegeben hat. Die vermittelt hat. Die erreichbar war. Die Verständnis hatte. Die Verantwortung übernommen oder Konflikte vermieden hat.

Wenn du diese Rolle nicht mehr selbstverständlich einnimmst, müssen sich auch die anderen neu orientieren. Und das wird nicht immer positiv aufgenommen.


Vielleicht hörst du plötzlich Sätze wie:

  • „Was ist denn mit dir los?“

  • „Du hast dich ganz schön verändert.“

  • „Früher warst du nicht so.“

  • „Man darf ja gar nichts mehr sagen.“


Oder dein Gegenüber reagiert enttäuscht, beleidigt, wütend oder zieht sich zurück. Das kann enorm verunsichern. Vor allem dann, wenn du früh gelernt hast, die Stimmung anderer Menschen sehr genau wahrzunehmen und dich für sie verantwortlich zu fühlen. Schnell entsteht wieder das alte Gefühl: Wenn jemand wegen meiner Grenze enttäuscht oder wütend ist, habe ich etwas falsch gemacht.


Doch eine Grenze wird nicht dadurch falsch, dass ein anderer Mensch sie nicht gut findet.

Manchmal zeigt die Reaktion des Gegenübers auch, wie ungewohnt es für das bestehende System ist, dass du dich heute anders positionierst. Das bedeutet nicht, dass jede Grenze automatisch angemessen ist. Auch Grenzen dürfen wir reflektieren, besprechen und manchmal neu verhandeln. Aber wir müssen unsere Grenzen nicht danach ausrichten, dass niemand jemals enttäuscht von uns ist.


Grenzen bedeuten nicht, andere Menschen auszuschließen

Beim Thema Grenzen entsteht manchmal ein Missverständnis: Grenzen werden mit Härte, Rückzug oder Kontaktabbruch gleichgesetzt. Gesunde Abgrenzung bedeutet jedoch nicht: „Mir sind die anderen egal.“ Im Gegenteil. Eine Grenze macht deutlich, wo meine Verantwortung endet und die Verantwortung des anderen beginnt.


  • Ich kann verstehen, dass meine Mutter enttäuscht ist, und trotzdem bei meiner Entscheidung bleiben.

  • Ich kann nachvollziehen, dass mein Partner etwas anders sieht, ohne meine Bedürfnisse aufzugeben.

  • Ich kann einen Menschen lieben und trotzdem sagen: So möchte ich nicht behandelt werden.


Grenzen und Verbindung sind keine Gegensätze. In gesunden Beziehungen darf beides gleichzeitig existieren.


Wenn wir selbst Kinder bekommen

Wenn wir später selbst Mama oder Papa werden, bekommt das Thema noch einmal eine andere Bedeutung. Denn Kinder lernen auch von uns, wie Beziehungen und Grenzen funktionieren.

Wir können ihnen beibringen, die eigenen Grenzen überhaupt wahrzunehmen: Was möchte ich? Was möchte ich nicht? Wann fühlt sich etwas nicht mehr gut an? Wann möchte ich Nein sagen?

Und wir können ihnen zeigen, dass sie diese Grenzen aussprechen dürfen. Das funktioniert allerdings nur glaubwürdig, wenn wir bereit sind, die Grenzen unserer Kinder auch selbst ernst zu nehmen. Und das kann durchaus unbequem sein.


Denn ein Kind mit einem eigenen Willen wird nicht immer das wollen, was wir wollen. Es wird widersprechen. Es wird Nein sagen. Es wird sich abgrenzen.

Natürlich brauchen Kinder gleichzeitig Orientierung und Grenzen durch Erwachsene. Die Grenze eines Kindes bedeutet nicht, dass Eltern keine Verantwortung mehr übernehmen oder keine Regeln setzen dürfen. Es geht vielmehr darum, Kindern zu vermitteln: Du hast Grenzen – und andere Menschen haben sie auch.


Dein Nein darf gehört werden. Gleichzeitig lernst du, das Nein eines anderen Menschen zu respektieren. So entsteht nach und nach ein Verständnis davon, dass Grenzen nichts mit Liebesentzug oder Ablehnung zu tun haben müssen. Sie sind ein normaler Bestandteil von Beziehungen.


Grenzen können ein generationenübergreifendes Thema sein

Der Umgang mit Grenzen entsteht nicht erst in einer einzelnen Generation. Vielleicht durfte schon deine Mutter kaum widersprechen. Vielleicht hat dein Vater gelernt, Gefühle zurückzuhalten und zu funktionieren. Vielleicht galten Anpassung, Gehorsam oder das Aufrechterhalten von Harmonie in deiner Familie lange als besonders wichtig.


Solche Muster können weitergegeben werden, ohne dass jemand bewusst entscheidet, sie weiterzugeben. Wir übernehmen Vorstellungen davon, was sich „gehört“, wie viel Raum wir einnehmen dürfen, wie mit Konflikten umgegangen wird und was innerhalb einer Familie als normal gilt.


Deshalb kann es so wertvoll sein, die eigene Geschichte nicht nur unter der Frage zu betrachten:

„Warum kann ich keine Grenzen setzen?“

Sondern genauer hinzuschauen:

„Was habe ich in meiner Familie über Grenzen, Zugehörigkeit und Beziehung gelernt?“


Denn häufig ergibt unser heutiges Verhalten sehr viel mehr Sinn, wenn wir verstehen, wo wir es gelernt haben. Und genau dort können generationenübergreifende Muster sichtbar werden.

Nicht, um Eltern oder Großeltern die Schuld für unser heutiges Leben zu geben. Sondern um unterscheiden zu können:


Was davon gehört zu meiner Geschichte – und was möchte ich heute anders leben und weitergeben?

 
 
 

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